Fragen zur Entscheidung
Was bedeutet die Business Judgment Rule für meine Entscheidungen?
Die Business Judgment Rule (§ 93 Abs. 1 Satz 2 AktG) schützt unternehmerische Entscheidungen, die auf angemessener Informationsgrundlage getroffen werden, auch wenn sie sich später als falsch erweisen. Sie gilt unverändert. Ob und wie sie in Ihrem Fall greift, klärt ein Anwalt.
Warum eine Schutzregel trotzdem lähmt
Eigentlich soll die Regel Mut machen. Wer sorgfältig entscheidet, soll nicht für jeden Fehlschlag haften. Hans W. Deckers, Autor von „KLARHEIT abrufen“ und Entwickler des Decision Clarity Process, beschreibt in Kapitel 2, warum sie in vielen Führungsetagen trotzdem das Gegenteil bewirkt.
Am 05.09.2024 hat das Landgericht München I drei ehemalige Wirecard-Vorstände als Gesamtschuldner zu 140 Mio. € nebst Zinsen verurteilt (Az. 5 HK O 17452/21). Laut Pressemitteilung vom 05.09.2024 ist das Urteil nicht rechtskräftig. Juristen betonen zu Recht: Das Gericht hat die Regel nicht abgeschafft, sondern angewendet. In den Vorstandsetagen kam trotzdem eine andere Botschaft an. Die Regel schützt nicht, wenn ein Gericht im Nachhinein findet, dass Sie nicht genug hingeschaut haben.
Deckers nennt das Urteil den unsichtbaren Spieler am Tisch. Bei jeder Entscheidung flüstert er: Was, wenn es schiefgeht? Was, wenn Sie haften?
Aber wann ist „genug hingeschaut“ genug?KLARHEIT abrufen, S. 28
Die Antwort im Buch ist kurz: nie. Nicht in einem echten Geschäft. Und genau das lähmt. Wer die Grenze nicht kennt, sammelt immer weiter. Noch ein Gutachten. Noch eine Prüfung. Nicht weil sie die Entscheidung verbessert, sondern weil sie den Entscheider absichert. Dazu kommen ständig neue Regeln: KI-Verordnung, Lieferkettengesetz, ESG-Vorgaben. Jede sendet dieselbe Botschaft. Sie können persönlich haften.
Für die Entscheidung selbst lohnt ein nüchterner Blick. Die Regel soll gerade Entscheidungen schützen, die sich später als falsch erweisen. Gewissheit setzt sie nicht voraus, denn Gewissheit gibt es bei unternehmerischen Entscheidungen nie. Wer auf sie wartet, wartet ewig. Was die Regel im Einzelnen verlangt, beantwortet Ihr Anwalt.
Kapitel 3 zeigt, wohin das führt. Gutachten werden zum Schutzschild. Die Analyse dient nicht mehr der Erkenntnis, sondern der Dokumentation für den Fall, dass es schiefgeht.
Neun Monate für einen Satz, den er schon kannte
Ein Vorstandschef beauftragt eine Strategieberatung. Neun Monate Arbeit, ein Millionenbudget, Folien voller Matrizen. Am Ende steht die Empfehlung: Umstrukturierung.
Der Vorstandschef nickt. Genau das hatte er selbst gedacht. Lange bevor der erste Berater das Haus betrat.
Warum er trotzdem zahlt, was er für dieses Geld eigentlich bekommt und welche Rolle die Business Judgment Rule dabei spielt, steht in Kapitel 3 von „KLARHEIT abrufen“.
Was Sie jetzt tun können
Bevor Sie die nächste Prüfung oder das nächste Gutachten beauftragen, beantworten Sie schriftlich eine Frage: Brauche ich das für die Entscheidung oder für die Absicherung?
Beides kann legitim sein. Rechtliche Absicherung ist Aufgabe eines Anwalts, und dort gehört sie hin. Aber wer beides vermischt, verwechselt Sorgfalt mit Aufschub. Steht auf Ihrem Blatt „für die Absicherung“, und kennen Sie die Antwort eigentlich schon, dann fehlt keine Information. Dann fehlt die Entscheidung.
Ein Gutachten zu den Rechtsrisiken einer Übernahme ist Absicherung im besten Sinn. Ein Gutachten, das eine Strategie empfehlen soll, die der Vorstand seit Monaten selbst vertritt, ist Absicherung im teuersten Sinn.
Wie Sie als Geschäftsführer unter persönlicher Haftung handlungsfähig bleiben, lesen Sie hier: Wie entscheide ich als Geschäftsführer, wenn ich persönlich hafte?
Das Wissen ist da. Der Zugang ist verschüttet. Unter Haftungsdruck verstummt nicht das Urteilsvermögen, sondern das Vertrauen darauf.
Kapitel 2 und 3 von „KLARHEIT abrufen. Entscheiden in dünner Luft“ zeigen die Compliance-Falle und das Geschäft mit der Absicherung. Käufer erhalten 24 kapitelbezogene Begleitmaterialien kostenfrei, Zugang im Buch. Für Vorstände und Aufsichtsräte gibt es die Keynote zur Compliance-Falle. Dieser Beitrag ersetzt keine Rechtsberatung.
Häufige Fragen
Hat das Wirecard-Urteil die Business Judgment Rule geändert?
Nein. Die Regel nach § 93 Abs. 1 Satz 2 AktG gilt unverändert. Verändert hat sich vor allem die Wahrnehmung in vielen Führungsetagen, wie viel Prüfung als genug gilt.
Brauche ich für jede große Entscheidung ein externes Gutachten?
Das ist eine Rechtsfrage für Ihren Anwalt. Für Ihre Entscheidung hilft eine andere Frage: Liefert das Gutachten neue Erkenntnis, oder bestätigt es nur, was Sie schon wissen?
